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Sonntag, 7. März 2010

Transfergesellschaft, BeE, Auffanggesellschaft, Outplacement

Die Begriffe sind vielfältig,

und doch bezeichnen sie letztendlich eine bestimmte Situation: Nämlich wie kann sich ein Arbeitgeber von einem Mitarbeiter trennen, ihm also kündigen. Aber es soll eine “Hängematte” für den Mitarbeiter geschaffen werden, die es diesem erleichtert, die Kündigung als weniger drastisch zu empfinden und vor allem das Damoklesschwert “Arbeitslosigkeit” noch ein wenig hinauszuschieben. Von den oben genannten Möglichkeiten profitieren laut Befürwortern alle:

  • Die Mitarbeiter, die
    • für mindestens 1 Jahr nicht arbeitslos werden
    • bis zu 80 % ihres bisherigen Lohns erhalten durch Bezug von Kurzarbeitergeld und einer möglichen Aufstockung durch den Arbeitgeber
    • Mitglied in der gesetzlichen Sozialversicherung bleiben. Die Beiträge übernimmt das Unternehmen bzw. teilweise die Arbeitsagentur
    • beraten und qualifiziert werden hinsichtlich ihrer Bewerbungsfähigkeiten und anderer Kompetenzen
    • sich intensiv darum kümmern können, eine neue Arbeitsstelle zu finden
  • Die kündigenden Unternehmen, die
    • sich auf “leise” Art von Mitarbeitern trennen können
    • keinen Imageverlust in der Öffentlichkeit erleiden, sondern vielmehr als fürsorgliches Unternehmen wahrgenommen werden
  • Das Arbeitsamt und damit die Politik, die
    • in ihren Statistiken weniger Arbeitslose ausweisen muss
    • darauf hofft, dass die betroffenen Mitarbeiter einen neuen Job finden, bevor sie sich arbeitslos melden müssen
  • Die Gesellschaften und deren Betreiber, die
    • für das Profiling, die Beratung und Qualifizierung oder Vermittlungstätigkeiten entsprechend bezahlt werden
    • keinen Nachweis für den Erfolg ihrer Tätigkeiten bringen müssen

Und doch, trotz all dieser plausiblen Vorteile, verspüre ich Unbehagen:

  • Der Mensch ist träge! Je mehr Zeit er hat, sich einen neuen Arbeitsplatz zu suchen, umso weniger Druck hat er, sich wirklich ernsthaft und mit vollem Engagement darum zu bemühen. Wie viele Manager auch, wird er sich hinter den Beratern verstecken, anstatt seinen Menschenverstand und seine Energie zu nutzen, selbst aktiv zu sein
  • Das Verständnis, dass ein Arbeitsverhältnis eben nicht sicher und auf Dauer angelegt ist, kommt auf diese Weise nicht ins Bewußtsein der Arbeitnehmer. Dementsprechend wird er sich nur wenig damit auseinander setzen, sich um Weiterbildung bemühen, Kontakte aufbauen und sich darum bemühen, eine Alternative zum heutigen Arbeitsplatz zu schaffen
  • Berater stülpen immer die gleichen Konzepte über die zu Beratenden. Dementsprechend werden die Bewerbungen immer mehr zu “Einheitsbrei”, statt zu individuellen und persönlichen Bewerbungen
  • Wertvolle Zeit wird vergeudet, weil die Mitarbeiter mindestens 1 Jahr Zeit haben, um den wirklichen Ernstfall, d.h. den tatsächlichen Verlust ihrer Arbeitsstelle, hinauszuschieben. Man hat ja noch Zeit, um dies und das zu machen. Erstmal das Ergebnis des Profilings abwarten, dieses Seminar machen, diese Beratung mitnehmen usw. In dieser Zeit verlernt man, Probleme aktiv anzugehen und selbst Lösungen zu schaffen
  • Der Steuerzahler zahlt für Instrumente, deren Erfolg nicht nachgewiesen ist und er wird bewusst getäuscht über die tatsächlichen Arbeitslosenzahlen. Letztendlich wären nicht nur die Mitarbeiter, für die diese Gesellschaften geschaffen wurden, arbeitslos, sondern auch die Berater und anderen Mitarbeiter der Gesellschaften. Die Politik hat also wieder eine möglicherweise sinnlose, aber sicher nicht wertschaffende Dienstleistungsbranche geschaffen
  • Die heutigen, niedrigen Werte in Deutschland bezüglich der Selbstständigenquote sind meiner Meinung nach nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die meisten es verlernt haben, für sich Verantwortung zu übernehmen. Damit sind sie nicht mehr in der Lage, auf Alternativen, sei es in einer Existenzgründung oder einen Arbeitsplatz bei einem anderen Arbeitgeber, zurückzugreifen

Meiner Ansicht nach müssten die Lösungen bei einer Kündigung ganz anders aussehen:

  • Jeder Mitarbeiter ist sich bewusst, dass ein Arbeitsverhältnis jederzeit beendet werden kann. Diesen Faktor kalkuliert er in seiner Lebens- und Karriereplanung. Das heißt auch, dass er in Zeiten mit gutem Verdienst, spart und nicht alles ausgibt oder gar Schulden macht
  • Die Schul- und Berufsausbildung ist darauf angelegt, die Menschen dahingehend zu qualifizieren, dass sie dieses Bewusstsein haben, sich um Weiterbildung bemühen und darauf achten, ihre Employability möglichst zu erhalten oder gar zu verbessern
  • Mindestlöhne sorgen dafür, dass ein gewisser Lebensstandard gesichert ist
  • Die Politik zeigt Vertrauen in die Bürger, dass sie eigenständig und selbstverantwortlich handeln können. Sie schafft Rahmenbedingungen, die es ermöglichen, leicht Arbeit zu finden oder sich selbstständig zu machen. Dazu gehört auch, dass das Arbeits- und Steuerrecht drastisch vereinfacht wird
  • Arbeitslosigkeit bedeutet für den Betroffenen nicht Stigmatisierung, Geringschätzung durch die Gesellschaft und gesellschaftlicher Absturz, sondern wird als eine ganz normale Situation betrachtet, von der jeder über kurz oder lang betroffen ist
Kategorie: Arbeitslose, Arbeitnehmer

1 Kommentar zu ' Transfergesellschaft, BeE, Auffanggesellschaft, Outplacement'

Kommentare zu 'Transfergesellschaft, BeE, Auffanggesellschaft, Outplacement' mit RSSoder TrackBack abonnieren.

  1. Thomas Gerwert kommentierte am 01.04.2010 um 23:57 Uhr

    Woher nehmen Sie das? “Die heutigen, niedrigen Werte in Deutschland bezüglich der Selbstständigenquote sind nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass die meisten es verlernt haben, für sich Verantwortung zu übernehmen. Damit sind sie nicht mehr in der Lage, auf Alternativen, sei es in einer Existenzgründung oder einen Arbeitsplatz bei einem anderen Arbeitgeber, zurückzugreifen”

    Also die Transfergesellschaften die ich kennen bieten durchaus statt Bewerbungsbertaung Unterstützng zum Thema Existenzgründung. In den von mir selbst betreuten haben wir im Schnitt eine Quote von 7% die den Schritt in Richtung Existenzgründung mit unserer Unterstützung umsetzen.

    Ihre beschriebenen Lösungsansätze sind indes recht interessant.
    Kein Arbeitsplatz ist sicher, weder hier noch im Ausland. Trotzdem wird dies nur bei den wenigsten bewusst werden und Verhaltensänderungen herbeirufen.

    Schön wäre es in der Tat, kontinuierliches lernen!

    MIndestlöhne sorgen dafür das evtl. erst gar keine Arbeitspläze geschaffen werden!?

    Politiker vertrauen bürger, ein schöner Traum, denn dann ging es auch ummgekehrt.

    Arbeitslosigkeit darf in der Tat kein Stigmata sein.

    Viele Grüße
    Thomas Gerwert

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